Leben im römischen Kastelldorf

Moderator: antikefan

Leben im römischen Kastelldorf

Beitragvon antikefan am 30.01.2010, 12:51

29.01.2010 - GIESSEN

(tjl). „Schon die Römer kannten Bauvorschriften“, erläuterte der Archäologe Carsten Wenzel den geschichtsinteressierten Besuchern im Netanya-Saal am Mittwochabend. Wenzel leitete die Grabungen der Frankfurter Universität in Groß-Gerau, wo auf dem Arealstück „Auf Esch“ ein römisches Kastell und daran angeschlossen eine zivile Siedlung (Vicus) existierte. Die Veranstaltung setzte die Vortragsreihe des Oberhessischen Geschichtsvereins fort.

In seinem durch zahlreiches Bildmaterial sehr anschaulichen gestalteten Vortrag „Gemüsebeet und Federvieh – Buntes Leben in den Hinterhöfen der Streifenhäuser eines römischen Kastelldorfs“ entwarf Wenzel ein Lebensbild der Siedlung. Dabei bediente er sich einer neueren ganzheitlichen wissenschaftlichen Methode, die die Naturwissenschaften (Archäobotanik und Archäozoologie) einbezieht.

In der im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründeten Siedlung wurden auf jeden Fall Schweine gezüchtet, auch Hunde, Schafe und Ziegen waren vorhanden. Bemerkenswert sei auch, dass es einen Zuchtstier gab. Dies wurde anhand eines Knochenfundes herausgefunden. Man konnte rekonstruieren, dass Getreide, Walderdbeeren, Tollkirschen und andere Früchten vorhanden waren, aber auch Ruderalpflanzen („Unkraut“) wie Disteln an den Häusern wuchsen.

Bild
So wie auf dieser Zeichnung muss man sich den Alltag in einem typisch römischen Kastelldorf vorstellen. Bild: Geschichtsverein

Die Häuser des Vicus waren lang und schmal, daher der Begriff „Streifenhäuser“, und zur Straße hin ausgerichtet. Es wurde geplant gebaut, berichtete der Fachmann. Auch muss es so etwas wie ein Grundbuch gegeben haben.

Gemeinsam genutzte Hauswände, wie bei unseren Reihenhäusern, waren ebenfalls vorhanden. Hier gab es Regeln, wie mit diesen Hauswänden umzugehen war. Anhand der Brunnen in den Häusern, räumte Wenzel mit dem Bild der hygienischen und ordentlichen Verhältnisse zur Römerzeit auf. Die Menschen warfen Abfälle in die Brunnen, war er voll, wurde ein anderer ausgehoben. Die Latrinen benutzen die Menschen erst als Vorratsgrube, dann als Latrine. Das einzig öffentliche Gebäude sei das Bad gewesen; hiervon wurde noch ein Stück Fensterglas und Ziegel gefunden.

Um 115/120 wurde das römische Kastell geräumt. Die Siedlung wurde aber weiterhin genutzt. Wer genau dort gelebt hat, konnte Wenzel nicht sagen. Er nahm aber an, dass romanisierte Kelten, Romanen und Germanen dort angesiedelt gewesen seien, später dann Germanen, Alemannen. Ein interessanter Exkurs erhellte, dass das römische Militär für Kelten eine Möglichkeit der Assimilierung bot. Dies kann man unter anderem an Namensänderungen bei Eintritt in die Armee nachvollziehen. Neben Handwerk (Töpferei, Metallverarbeitung, Beinschitzerei, Gerberei, Textilverarbeitung) gab es Handel, wie Austern-, Koriander- und Feigenfunde beweisen. Für die Siedlung spielte es eine große Rolle, dass sie von einem alten Neckarbett umschlossen war. Der Fluss soll zwar flach gewesen sein, aber hat noch als Transportweg funktioniert. Abschließend sagte der Experte, Groß-Gerau und die Limesregion war damals für den antiken Menschen das Ende der Welt. Für das Castell Arnsburg wünschte sich Wezel eine ähnliche Aufarbeitung.

Quelle: Gießener Anzeiger
Benutzeravatar
antikefan
Divius
 
Beiträge: 1070
Registriert: 16.04.2006, 17:38
Wohnort: Algermissen

Zurück zu Antike oder archäologische Meldungen 2010

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron