Handelswege in der Antike

Hier kann über das "freie Germanien" zu römischer Zeit diskutiert werden

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Handelswege in der Antike

Beitragvon antikefan am 30.01.2010, 13:06

In der Mit­te des 2. Jahr­hun­derts fass­te der Ge­lehr­te Pto­le­mai­os das geo­gra­phi­sche Wis­sen sei­ner Zeit in ei­nem Werk zu­sam­men. Dar­in ent­hal­ten ist die aus­führ­lichs­te to­po­gra­phi­sche Be­schrei­bung Ger­ma­ni­ens, die aus der An­ti­ke über­lie­fert ist.

Als Pto­le­mai­os et­wa um 150 n. Chr. be­gann, sei­ne „Geo­gra­phi­ke hy­phe­ge­sis“, meist „Geo­gra­phie“ ge­nannt, nie­der­zu­schrei­ben, er­leb­te das rö­mi­sche Im­pe­ri­um ei­ne Zeit in­ne­rer und äu­ße­rer Sta­bi­li­tät, der Ru­he und des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs. Der Ge­lehr­te wirk­te in Alex­an­dria, das nicht nur über die um­fang­reichs­te Bi­blio­thek der an­ti­ken Welt ver­füg­te, son­dern auch ein in­ter­na­tio­na­les Han­dels­zen­trum war. Hier flos­sen In­for­ma­tio­nen über al­le da­mals be­kann­ten Län­der der Er­de, über die oi­ku­me­ne, zu­sam­men. Es gab al­so die bes­ten Voraus­set­zun­gen für Pto­le­mai­os, ein Werk zu ver­fas­sen, das bis zum Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen das geo­gra­phi­sche Welt­bild des Abend­lan­des präg­te.

Sei­ne „Geo­gra­phie“ ist kei­ne his­to­risch-​eth­no­gra­phi­sche Be­schrei­bung der oi­ku­me­ne wie et­wa das Werk des Stra­bon (um 64/63 v. Chr. – um 20 n. Chr.), son­dern viel­mehr ei­ne An­lei­tung zu de­ren kar­to­gra­phi­scher Dar­stel­lung. In nüch­ter­ner Form nennt Pto­le­mai­os die Gren­zen der Län­der, die sich in­ter­es­san­ter­wei­se bis heu­te we­nig ge­än­dert ha­ben, und gibt die geo­gra­phi­schen Ko­or­di­na­ten von mehr als 6300 Or­ten und to­po­gra­phi­schen Punk­ten an. Die be­son­de­re Be­deu­tung sei­ner Ar­beit liegt dar­in, dass sie als ein­zi­ges (er­hal­te­nes) Werk des Al­ter­tums ex­ak­te Län­gen-​ und Brei­ten­an­ga­ben in ei­nem Ko­or­dina­ten­sys­tem macht, wie es spä­ter die Neu­zeit über­nom­men hat.

Die kar­to­gra­phi­sche Dar­stel­lung teilt Pto­le­mai­os in ei­ne Über­blicks­kar­te der ge­sam­ten oi­ku­me­ne und 26 Ein­zel­kar­ten auf: zehn Kar­ten für Eu­ro­pa, vier für Afri­ka und zwölf für Asi­en. Im zwei­ten Buch der „Geo­gra­phie“ fin­det sich die Dar­stel­lung der „Ger­ma­nia Ma­gna“, das heißt Ger­ma­ni­ens jen­seits der rö­mi­schen Gren­zen; es um­fasst nicht nur Tei­le der heu­ti­gen Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, son­dern auch Tei­le Dä­ne­marks, Po­lens, Ös­ter­reichs, Tsche­chi­ens und der Slo­wa­kei. Um­ge­kehrt ge­hö­ren zur heu­ti­gen Bun­des­re­pu­blik auch Ge­bie­te, die sich bei Pto­le­mai­os in der Be­schrei­bung der rö­mi­schen Pro­vin­zen Rae­tia so­wie Ger­ma­nia In­fe­ri­or und Su­pe­ri­or (bzw. Gal­lia Bel­gi­ca) fin­den.

Von be­son­de­rem In­ter­es­se sind die 94 Or­te, die Pto­lemai­os für Ger­ma­nia Ma­gna an­gibt. Oh­ne Un­ter­schied be­zeich­net er al­le als po­lis (Stadt). Da­bei han­del­te es sich je­doch nicht um Städ­te, wie sie die grie­chisch-​rö­mi­sche Welt präg­ten – die­se wa­ren der ger­ma­ni­schen Kul­tur je­ner Zeit fremd. Wahr­schein­lich wa­ren es grö­ße­re Sied­lun­gen, po­li­ti­sche Zen­tren, Han­dels­plät­ze oder be­deu­ten­de Ver­kehrs­kno­ten­punk­te.

Die wich­tigs­te Quel­le für Pto­le­mai­os, der wohl nie in Ger­ma­ni­en ge­we­sen ist, dürf­te die to­po­gra­phi­sche Er­fas­sung durch die Rö­mer selbst ge­we­sen sein. An­ge­sichts der stets la­tent ge­fähr­li­chen Ger­ma­nen wa­ren für mög­li­che rö­mi­sche Mi­li­tär­ope­ra­tio­nen geo­gra­phi­sche Kennt­nis­se von ent­schei­den­der Be­deu­tung. Die­se wur­den durch die rö­mi­schen Feld­zü­ge, di­plo­ma­ti­sche Kon­tak­te und auch den Han­del ge­won­nen.

Die Lo­ka­li­sie­rung der an­ti­ken Or­te in Ger­ma­ni­en er­weist sich al­ler­dings als au­ßer­or­dent­lich schwie­rig. Aus­druck da­für sind die Fül­le von da­zu durch­ge­führ­ten Un­ter­su­chun­gen und die gro­ße An­zahl oft er­heb­lich von­ein­an­der ab­wei­chen­der Iden­ti­fi­zie­rungs­vor­schlä­ge. Das liegt dar­an, dass die meis­ten der von Pto­le­mai­os auf­ge­führ­ten Or­te in kei­ner an­de­ren an­ti­ken Quel­le er­wähnt wer­den und dass die an­ti­ken Orts­na­men in der Re­gel nicht den mo­der­nen ent­spre­chen. Hin­zu kommt, dass es im Ge­biet von Ger­ma­ni­en im Ge­gen­satz et­wa zur grie­chisch-​rö­mi­schen Welt kei­ne Fund­stät­ten mit In­schrif­ten gibt, die ei­nen Hin­weis auf den an­ti­ken Orts­na­men ent­hal­ten könn­ten.

Grund­la­ge für die Iden­tifi­zie­rung ist ei­ner­seits die durch­aus nicht neue Über­le­gung, dass al­le Or­te, über de­ren La­ge Pto­le­mai­os In­for­ma­tio­nen hat­te, an Ver­kehrs­we­gen ge­le­gen ha­ben müs­sen. Lei­der wer­den die­se Ver­kehrs­we­ge bei Pto­le­mai­os nicht an­ge­ge­ben. An­de­rer­seits ste­hen uns kon­kre­te Ko­or­di­na­ten, die an­ti­ken Län­gen-​ und Brei­ten­an­ga­ben, zur Ver­fü­gung.

Neu ist die Me­tho­dik, mit der in ei­nem For­schungs­pro­jekt der Deut­schen For­schungsgemein­schaft an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin in in­terdis­zi­pli­nä­rer Zu­sam­men­ar­beit die an­ti­ken Or­te iden­ti­fi­ziert wer­den. Da­bei wer­den die nu­me­ri­schen An­ga­ben des Pto­le­mai­os mit­tels mo­der­ner geo­dä­tisch-​ma­the­ma­ti­scher Ver­fah­ren ana­ly­siert und die Er­geb­nis­se die­ser Ana­ly­se mit den Un­ter­su­chun­gen der Ge­schichts­wis­sen­schaf­ten und mit ar­chäo­lo­gi­schen Be­fun­den ver­gli­chen, wo­bei auch to­po­gra­phi­sche Ge­ge­ben­hei­ten be­rück­sich­tigt wer­den.

Für Ger­ma­ni­en wur­den die­se Ar­bei­ten be­reits durch­ge­führt. Über­trägt man nun die iden­ti­fi­zier­ten an­ti­ken Or­te in ei­ne mo­der­ne Kar­te, zeich­net sich tat­säch­lich ein Ver­kehrs­netz im al­ten Ger­ma­ni­en ab. Deut­lich sicht­bar wird die wich­ti­ge West-​Ost-​Ver­bin­dung des Hell­we­ges, die be­reits den Rö­mern be­kannt war.

Am Rhein be­gin­nend, gibt Pto­le­mai­os wich­ti­ge Sta­tio­nen an. Die El­be wur­de bei Mag­de­burg oder et­was nörd­lich da­von bei Burg über­schrit­ten. Da­nach ging es über Fürs­ten­wal­de nach Küs­trin, dann nörd­lich der Warthe über Cz~lo­pa (Schlop­pe) und Cho­j­nice (Ko­nitz) zur Weich­sel­mün­dung, wo­hin auch die Bern­stein­stra­ße aus dem Sü­den führ­te. Die­se ver­ließ bei Car­nun­tum an der Do­nau das Rö­mi­sche Reich und ver­lief durch das March­tal über Br­no (Brünn) und Rýma `´rov (Rö­mer­stadt) wei­ter in Rich­tung Oder. Die nächs­ten Sta­tio­nen auf dem Weg zur Ost­see sind Ka­lisz, Ko­nin und Byd­gosz­cz (Brom­berg). Der wei­te­re Ver­lauf ent­lang der Ost­see führte in das von Pto­le­mai­os eben­falls be­schrie­be­nen Sar­ma­ti­en.

Vom March­tal aus führ­te ei­ne wei­te­re Stra­ße über B `´re­clav (Lu­den­burg), Br­no (Brünn) und Jih­la­va (Ig­lau) nach Ko­lin an die El­be. Bei Mel­nik am Zu­sam­men­fluss von Mol­dau und El­be stieß auch ei­ne Rou­te hin­zu, die vom Do­nau­über­gang bei Linz durch Frei­stadt im Mühl­vier­tel,  `´Ceské Bud`éjo­vice (Bud­weis), Písek und Prag ver­lief. Die El­be ist auf der Kar­te des Pto­le­mai­os als wich­ti­ge Ver­bin­dungs­li­nie zu er­ken­nen. Sta­tio­nen die­ses Ver­kehrs­we­ges sind Li­to­me­ri­ce (Leit­me­ritz), Dres­den, Lie­ber­see (zwi­schen Rie­sa und Tor­gau), die Ge­gend um Mag­de­burg, Hitzacker und schließ­lich die Mün­dung der El­be in die Nord­see. Meh­re­re Or­te, die im Raum der Nord-​ und Ost­see­küs­te lo­ka­li­siert wer­den kön­nen, las­sen auch auf ei­ne West-​Ost-​Ver­bin­dung in die­ser Re­gi­on schlie­ßen. Es er­gibt sich schließ­lich ein Bild, das die um­fang­rei­chen und man­nig­fal­ti­gen Kon­tak­te zwi­schen dem Rö­mi­schen Reich und Ger­ma­ni­en in der Ge­stalt des an­ti­ken We­ge­net­zes wi­der­spie­gelt.

Die im Rah­men des er­wähn­ten For­schungs­pro­jek­tes er­ziel­ten Er­geb­nis­se ba­sie­ren auf dem neu­es­ten For­schungs­stand. Jähr­lich wer­den neue ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de ge­macht, die un­ser Bild vom al­ten Ger­ma­ni­en und sei­nen Be­zie­hun­gen zum Rö­mi­schen Reich er­wei­tern und prä­zi­sie­ren. Ei­ne Pu­bli­ka­ti­on zur pto­le­mäi­schen Kar­te der Ger­ma­nia Ma­gna und der an­gren­zen­den Ge­bie­te wird Mit­te 2010 bei der Wis­sen­schaftli­chen Buch­ge­sell­schaft, Darm­stadt, er­schei­nen. Be­ar­bei­tet wer­den soll aber die ge­sam­te „Geo­gra­phie“ des Pto­le­mai­os; für ei­nen Teil der oi­ku­me­ne sind die Un­ter­su​chun­gen be­reits ab­ge­schlos­sen. Da­mit wird auch ein Bei­trag zur Re­kon­struk­ti­on der an­ti­ken Ver­kehrs­we­ge ge­leis­tet, auf de­nen nicht nur Wa­ren, son­dern auch Wis­sen in be­trächt­li­chem Um­fang aus­ge­tauscht wur­den.

29.01.2010, Quelle: Prof. Dr. Dieter Lelgemann /Andreas Kleineberg /Dr. Hans-Jörg Nüsse
gefunden bei damals.de
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