Wiesendangen/Rickenbach: Zwischen 50 und 300 nach Christus ging bei bei Wiesendangen eine wichtige Ost-West-Verbindung durch. Dies belegen neuste Funde beim Autobahnanschluss Oberwinterthur, auf Wiesendanger Boden. Zürcher Archäologen legten die Überreste einer Strasse aus der Zeit der Römer frei. Kurz darauf gelang eine zweite Fassung bei einer Einfamilienhausüberbauung in der Gemeinde Rickenbach. Etwa viereinhalb Meter breit war der Verkehrsweg, den die Menschen vor fast 2000 Jahren benutzten. Die Strasse führte von der Römersiedlung in Oberwinterthur über Pfyn nach Bregenz. Sie wurde vermutlich im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. angelegt. Ein gefundenes Kohlestückchen sichert die Datierung in die römische Zeit. Daniel Käch, Projektleiter bei der Kantonsarchäologie, ist seit zehn Jahren als auf die Römerzeit spezialisierter Archäologe tätig. Es ist das erste Mal, dass er den Kieskoffer einer solchen Strasse freilegte. «Ein wunderschöner Moment!», findet er.

Im Hintergrund die abhumusierte Böschung der Autobahn bei Wiesendangen. In der Bildmitte der Sondierschnitt, in welchem die Römerstrasse angeschnitten wurde. Bild: Kantonsarchäologie
Vermutung bestätigt
Dass es zum wertvollen Fund kam, war Glück, aber kein Zufall. Es gab Anhaltspunkte, dass der antike Verkehrsweg in der Gegend verlief. Luftaufnahmen zeigten Streifen mit schwächerer Vegetation – ein Zeichen, dass der Boden weniger Wasser speichern kann, weil zum Beispiel Gebäudereste oder Strukturen darunterliegen. Ausserdem bezog man sich auf Kartenmaterial aus der Antike, welches die grösstenteils linear verlaufenden Strassen dokumentierte. Als das Bundesamt für Strassen die Instandsetzung der A1/A7 von Ohringen bis Matzingen projektierte, wurde die Zusammenarbeit mit der Kantonsarchäologie aktiviert. Alle 20 Meter schlitzte der Bagger den Boden auf – und wurde fündig. «Ohne die Sensibilisierung aufs Thema, wäre der Fund wohl übersehen worden», sagt Archäologe Christian Muntwyler. Die unter der Oberfläche verborgene Strasse präsentiert sich auch dem Spezialisten nämlich nicht auf den ersten Blick. Wer an römische Verkehrswege denkt, stellt sich oftmals ausladende Pflastersteinpfade vor. Die in Wiesendangen und Rickenbach entdeckte Strasse hat eine andere Bauweise und entspricht einer typischen Überlandstrasse. Sie überragte die Bodenfläche, ähnlich einem Damm. Die Strassen waren im Querschnitt bogenförmig gebaut, damit das Wasser abfloss. Zuerst wurden meist Bollensteine gelegt, darauf kam eine grosszügige Kiesschicht.
Fundstücke gesichert
Dass die unebene Oberfläche einiges abgefordert hat, zeigen die Fundstücke, die beim Sondierschnitt in Wiesendangen entdeckt wurden: Neben einer Keramikscherbe und einem Kohlestückchen tauchten fünf verloren gegangene Schuhnägel auf. Römersandalen waren häufig aus einem einzigen Lederstück gefertigt, das zum Schutz der Sohle oftmals mit Nägeln beschlagen war – ähnlich dem alten genagelten Militärschuh. Die Strassenbauer von damals waren vorwiegend Soldaten des römischen Heeres. Die Strassen wurden benötigt, um die Streitkräfte möglichst schnell verschieben und die Versorgung sicherstellen zu können. Viele der heutigen Strassen liegen auf den Überresten alter Wege. Während die Römerstrasse in Rickenbach in nächster Zeit mit Häusern überbaut wird, wurde die Fundstelle in Wiesendangen wieder zugedeckt. Vorher aber hielten die Archäologen den Verlauf und die Ausprägung der Strasse fest und dokumentierten alles für die Nachwelt.
Belinda Steinmann
Quelle: winterthurer stadtanzeiger
